Coronavirus: Jens-Christian Senger im Interview

Im Rahmen einer Interview-Reihe beantwortete Jens-Christian Senger, Vorstandsvorsitzender der ExxonMobil Central Europe Holding GmbH in Hamburg, nun drei Fragen des Europe Oil Telegrams. Thema: die Auswirkungen des Coronavirus.

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Coronavirus: Jens-Christian Senger im Interview

Daniel Grübner vom Europe Oil Telegram stellte Vertretern von Major-Unternehmen die gleichen Fragen. Sie sind, ebenso wie die Antworten von Jens-Christian Senger, hier vollständig nachzulesen.

 

EOT: Die Diskussion über die Auswirkungen der Corona-Krise auf die deutsche Wirtschaft wird zunehmend im globalen Kontext geführt. Welche Szenarien beim globalen Kampf gegen Corona erscheinen Ihnen am wahrscheinlichsten und welche Auswirkungen werden diese auf die internationalen Warenströme, Ihr Kerngeschäft und die Wirtschaft in Deutschland haben?

Jens-Christian Senger: Nun, ich bin davon überzeugt, dass die Corona-Krise und deren Überwindung kein Sprint von einigen Monaten ist, sondern wir hier in einem Marathon unterwegs sind. Das gilt übrigens nicht nur für uns, sondern für fast alle Branchen und für viele Unternehmen in Deutschland und weltweit. Für ExxonMobil ist dabei  - neben der Verantwortung für die Gesundheit unserer Mitarbeiter - die Sicherung unserer Lieferverpflichtungen von Energie, Kraft- und Schmierstoffen sowie unseren chemischen Produkten oberste Prämisse.

Die langfristigen Grundlagen, die das Geschäft des Unternehmens stützen, haben sich nicht geändert. Die Bevölkerung und der Energiebedarf werden weltweit wachsen, und die Wirtschaft wird sich erholen. Auch unsere Prioritäten bei Investionen bleiben unverändert. Unser Ziel ist es, weiterhin in zukunftsfähige Technologien und Projekte zu investieren, die zur Wertschöpfung beitragen.

Wir müssen und werden uns an die aktuelle Marktsituation anpassen: ExxonMobil fährt global die Investitionen um 30% zurück. Wir werden sehr genau hinschauen, welche Projekte wir weiterführen, stoppen oder verlangsamen. Für uns in Deutschland heißt das z.B. für unser Upstream-Geschäft, dass wir unser Bohraktivitäten in diesem Jahr entsprechend herunterfahren. Auch auf der Betriebskostenseite haben wir uns weltweit ein Ziel von 15% Einsparungen gesetzt.

ExxonMobil überwacht weiterhin die Marktentwicklung und kann bei Bedarf zusätzliche Reduktionsoptionen ausüben. Wenn sich die Marktbedingungen weiter ändern, werden wir die Auswirkungen einer möglicherweise geringeren Nachfrage für 2020 sowie längerfristige Auswirkungen auf die Produktion erneut bewerten.

ExxonMobil geht weltweit davon aus, dass die Raffinerieproduktion in der Industrie - im Einklang mit der Nachfrage und verfügbaren Speicherkapazitäten - sinken wird. Wir sind ebenso vorbereitet zum normalen Betrieb zurückzukehren, sobald sich die Nachfrage erholt. Die Umsetzung von Expansionsplänen für ausgewählte nachgelagerte und chemische Anlagen im gesamten Unternehmen werden angepasst. Ziel ist es, die Effizienz zu erhöhen, Ausgaben zu verschieben und gut für eine sich erholende Rohstoffnachfrage vorbereitet zu sein.

Damit sind wir für die Überwindung der Krise zunächst einmal gut aufgestellt.

EOT: Wie beurteilen Sie die aktuell in Deutschland aufkommende Diskussion zur Vereinbarkeit von reiner Krisenbewältigung (Schutz von Arbeitsplätzen, ganzen Unternehmungen sowie der Aufrechterhaltung grundlegender Geschäftsprozesse auch über die akute Krisensituation hinaus) mit den Forderungen in der aktuellen Krise die Investitionen in die Energiewende hin zur Klimaneutralität sogar stärker zu forcieren? Ist das überhaupt auf absehbare Zeit möglich?

Senger: Nach einer gründlichen Bewertung der Auswirkungen der Pandemie und der Marktbedingungen haben wir zunächst eine Vielzahl an Maßnahmen beschlossen und umgesetzt, um auf die aktuelle Situation angemessen zu reagieren.

Für mich ist die Krisenbewältigung und die Forderung nach Klimaneutralität grundsätzlich kein Gegensatz. Ich bin überzeugt davon, dass die Forderung vielmehr „Hand in Hand“ geht. Kernenergie wird zunehmend durch Erneuerbare Energien und Erdgas ersetzt. Kohle verliert aufgrund ihrer hohen CO2-Emissionen weltweit weiterhin stark an Bedeutung. Unter den fossilen Energieträgern besitzt Erdgas den niedrigsten CO2-Gehalt und bietet sich optimal als flexible Ergänzung zu Erneuerbaren Energien an.

Darüber hinaus forschen wir bei ExxonMobil selbstverständlich weiterhin an fortschrittlichen Biokraftstoffen aus Algen und Zellulosezucker und machen uns für eine CO2-Bepreisung auf politischer Ebene stark. Diese Arbeit treiben wir weiter voran.

Krisenbewältigung zeigt sich bei uns aber auch durch unser soziales Engagement. Zahlreiche Kolleginnen und Kollegen helfen an vielen Stellen privat. Gemeinsam spenden wir für den Corona-Nothilfefonds des Deutschen Roten Kreuzes. Eine Initiative, die das Unternehmen unterstützt und die Spendensumme der Mitarbeiter verdoppelt, damit das DRK Ehrenamtlichen und wichtigen Hilfsaktionen unter die Arme greifen kann. Wir helfen mit vereinten Kräften.

EOT: Über welchen Zeitraum und für welche Bereiche entlang der gesamten Wertschöpfungskette vom Bohrloch bis zum Endkunden sehen Sie deutliche Konsequenzen infolge der aktuellen Krisensituation und werden diese Einschätzungen möglicherweise zu schnelleren Umstrukturierungsmaßnahmen Ihres Unternehmens hin zu neuen Geschäftsfeldern führen?

Senger: Die derzeitige Situation ist sehr dynamisch und stellt uns alle – Gesellschaft wie Wirtschaft – vor nie dagewesene Herausforderungen. Als eine unmittelbare Reaktion haben wir - unter besonderer Beachtung unserer sehr hohen Sicherheitsstandards – eine Vielzahl an Anpassungen in unseren operativen und administrativen Prozessen vorgenommen. Wir können somit, wenn notwendig auch über einen längeren Zeitraum hinweg, unsere Produktions- und Vertriebs-Prozesse wie gewohnt sicherstellen. Dank unseres integrierten Geschäftsmodelles – von der Öl- und Gas-Förderung bis hin zu Kraftstoffen und chemischen Produkten – sind wir zudem in der Lage, mögliche Schwankungen einzelner Geschäftsbereiche aufzufangen.

Trotz der aktuell sehr starken Auswirkungen durch COVID-19 sind wir zuversichtlich, dass Handel, Transporte und Produktion sich schnell wieder erholen werden. Wir betrachten weiterhin das eigene Geschäft mit wachsamen und kritischen Augen und sind bereit, kurz- und mittelfristig auf veränderte Bedingungen und Geschäftsmöglichkeiten zu reagieren.

 

Die Fragen stellte Daniel Grübner schriftlich. Hier geht’s zur Website des Europe Oil Telegrams.